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1. Die Brauereien

Wenn der Volksmund von „Brauereien“ spricht, zählt die amtliche Statistik „Braustätten“.

Die “Braustätte” ist der Ort der Bierproduktion, die “Brauerei” umschreibt hingegen die gesellschaftsrechtliche Einheit, das Unternehmen. Es kann durchaus sein, dass unter dem Dach einer Gesellschaft mehrere Braustätten betrieben werden. Mehrere rechtlich selbständige Unternehmen können wiederum zu größeren Brauereigruppen (Konzernen) zusammengeschlossen sein u.s.w..

Die amtliche Statistik zählt zudem nicht diejenigen Braustätten, die am Ende des Jahres in Betrieb waren (Zeitpunktbetrachtung), sondern diejenigen, die im Verlauf des Berichtsjahres betrieben wurden (Zeitraumbetrachtung).

Somit sind in der Zahl der Braustätten eines jeden Jahres auch solche enthalten, die z.B. schon Ende Januar geschlossen, „aufgelassen“ wurden.

Erfasst sind zudem auch nur die gewerblich betriebenen Braustätten. Haus- und Hobbybrauer, von denen es zahllose im Land gibt, erscheinen in der nachfolgenden Statistik nicht.

Braustätten in Deutschland

Mit Ausnahme des Jahres 2012 weist die Zahl der Braustätten in Deutschland eine seit 2003 kontinuierlich ansteigende Tendenz auf. Seit 2015 hat sich die Zunahme der Braustätten sogar beschleunigt: Nach einem starken Anstieg bereits im Jahr 2015 um 33 Braustätten, einer Zunahme um weitere 19 in 2016 und sogar 89 neue Braustätten für das Jahr 2017 und weiteren 42 für 2018 verlangsamt sich der Anstieg der Zahl der Braustätten merklich. 2019 betrug er gegenüber 2018 noch 6 Braustätten.

Damit hat die Zahl der in Deutschland betriebenen Braustätten sich seit dem Tiefststand 1997 um 275 erhöht.

Die Zahl der Braustätten liegt damit weit oberhalb des Bestandes zum Zeitpunkt der Änderung der statistischen Erfassung im Jahr 1993 im Zuge der Wiedervereinigung.

Auf den ersten Blick ist festzuhalten, dass in den zurückliegenden 20 Jahren die Gesamtzahl der Braustätten in Deutschland also einen deutlichen Anstieg verzeichnet.

Braustätten Deutschland 1993-2019->Download-Graphik

Bayern zählt mit 647 betriebenen Braustätten unangefochten die meisten Sudhäuser der Republik. Gute 40% der deutschen Braustätten haben ihren Sitz im Freistaat. Keine andere Region der Welt weist auf vergleichsweise engem Raum eine ähnliche  Dichte der traditionellen, mittelständischen Braustätten auf – in Bayern kommt auf gut 20.200 Einwohnen eine Braustätte.

Allerdings ist festzuhalten, dass die Zahl der Gasthaus- und Kleinbrauereineugründungen in anderen Bundesländern bereits seit Jahren die Zahl der Stilllegungen traditioneller Braustätten übersteigt mit der Folge, dass der Anteil Bayerns an allen Braustätten leicht rückläufig ist und heute noch 41,8% beträgt.

Nachdem es sich in den weitaus meisten Fällen um Sortimentsbrauereien handelt, folgt der großen Zahl der Braustätten eine einzigartige Vielfalt der Sorten und Marken: Über 40 verschiedene traditionelle Biersorten werden in Bayern gebraut. Mit über 4.000 bayerischen Marken sind etwa 2/3 aller deutschen Biermarken im Freistaat beheimatet.

Braustätten 2019 nach Bundesländern->Download-Graphik

Entwicklung der Zahl der Braustätten in Bayern

Die Entwicklung der Zahl der Braustätten in Bayern kannte bis 2006 eigentlich nur eine Richtung: abwärts.

Seither beobachten wir in den zurückliegenden Jahren ein leichtes Auf und Ab auf. Die Zahl der Braustätten bewegte sich zwischen 620 und 640 Betrieben.

In 2017 vermeldete auch Bayern erstmals einen sprunghaften Anstieg der betriebenen Braustätten um 21 auf nun 645 und in 2018 eine weitere Zunahme auf 654 Braustätten – der höchste Stand seit 2001.

Im Jahr 2019 haben wir leider wieder einige Braustätten verloren, ein Bestand von 647 Brauereien bedeutet ein Minus gegenüber dem Vorjahr von 7 Braustätten.

Diese Entwicklung ist dabei – wie auch bezogen auf die Entwicklung in Deutschland insgesamt – als Saldo zwischen Stilllegungen traditioneller Braustätten einerseits und der Neugründung von zunächst Gasthausbrauereien, aber in den letzten Jahren auch verstärkt Kleinbrauereien ohne Gasthausanbindung  – gerne als „Craft-Brauerei“ bezeichnet – andererseits  zu interpretieren.

Braustätten Bayern 1960-2019->Download Graphik

Wie rasch sich der Strukturwandel auch in der bayerischen Brauwirtschaft zuvor vollzogen hat, wird ersichtlich, wenn man die Zeit seit der Wiedervereinigung und der damit einhergehenden Neuordnung des Biersteuerrechts einschließlich einer Neuordnung auch der Erfassung der betriebenen Braustätten Anfang der 90er Jahre Revue passieren lässt:

Seit 1993, dem Zeitpunkt der Neuordnung der Branchenstatistiken nach der Wiedervereinigung, hatte die Zahl der Braustätten in Bayern bis 2006 zunächst um 149 abgenommen, erreichte nach einem kurzen Aufschwung 2014 abermals das „Allzeittief“ von 619 und hat seither 28 Braustätten Zuwachs erfahren (nach einem „Zwischenhoch von 654 Braustätten in 2018), so dass seit der Wiedervereinigung ein Minus von 121 Braustätten bleibt.

Die Bestandsveränderungen in den einzelnen Jahren sind dabei als Saldo zwischen stillgelegten Traditionsbraustätten einerseits und Neugründungen von Gasthaus- und – in letzter Zeit verstärkt – sog. „Craft-Brauereien“ zu interpretieren.

Braustätten Bayern 1993 – 2019->Download Graphik

In der kartographischen Darstellung zeigt sich, dass Oberfranken unverändert die Bierregion Nr. 1 in Bayern ist. Mit 167 Brauereien liegen 25,4% aller bayerischen Braustätten in diesem Regierungsbezirk. Es folgen Oberbayern mit immerhin auch 136  betriebenen Braustätten (20,7%), dann Schwaben mit 84 Braustätten (12,8%), der ostbayerische Regierungsbezirke Oberpfalz (74 Braustätten, 11,2%) und Mittelfranken (73; 11,1%). Die Schlusslichter in der Betriebsstättenfolge bilden Niederbayern (71 Braustätten, 10,8%) sowie der „weinlastige“Bezirk Unterfranken (53; 8%).

[Anm.: Die genannte Zahl der Braustätten entstammt einer Erhebung für Januar 2020. Abweichungen von der amtliche Braustättenstatistik ergeben sich aus der unterschiedlichen Art der Erhebung. Das Stat. Bundesamt zählt alle Braustätten, die im Jahr 2019 in Betrieb waren – egal wie lange; Markus Raupach, von dem die hier zusammengefassten daten stammen, erfasst alle aktiven Braustätten zu einem bestimmten Stichtag. Außerdem werden hier auch solche Braustätten getrennt erfasst, die biersteuerlich ggf. zusammen erfasst und damit von der amtlichen Statistik als Einheit betrachtet werden. Deshalb kommt Raupach auf insgesamt 658 Braustätten, die amtliche Statistik nur auf 647.]

Braustätten nach Regierungsbezirken (Karte) Februar 2020->Download

In der Darstellung der Zahl der betriebenen Braustätten als Balkendiagramm werden die erheblichen Unterschiede zwischen der Betriebsstättenzahl in den einzelnen Regierungsbezirken besonders deutlich. Den Ruf Frankens als „Bierregion“ verdankt Nordbayern also im Wesentlichen Oberfranken.

Unterfranken markiert hingegen bzgl. der Zahl der Braustätten das Schlusslicht unter den bayerischen Regierungsbezirken – deutlich hinter dem nächstplatzierten Regierungsbezirk Niederbayern.

Betriebene Braustätten in Bayern Februar 2020->Download

Entwicklung der Zahl der Braustätten in den einzelnen Bundesländern

Während der Prozess des Strukturwandels in anderen deutschen Regionen bereits so weit fortgeschritten ist, dass die Stilllegungen traditioneller, meist mittelständischer, familiengeführter Brauereien  durch Neugründungen – z.T. weit – überkompensiert werden, ist der Bestand traditioneller mittelständischer und Kleinbrauereien in Bayern unverändert sehr groß und auch deshalb die Zahl der Gasthaus- und Kleinbrauerei-Neugründungen kleiner.

Saldiert verliert Bayern deshalb bei einer langfristigen Betrachtung seit der Wiedervereinigung Braustätten, während alle anderen Bundesländer z.T. deutliche Steigerungen der Zahl ihrer Braustätten verzeichnen.

Braustätten Bundesländer Veränderung 1993-2019 absolut->Download Graphik

Die relative Veränderung der Zahl der Braustätten seit 1993 belegt eindrucksvoll, dass Bier Heimat braucht: Gerade dort, wo der Prozess der Konzentration des Braugewerbes am weitesten fortgeschritten war, ist heute der Gründungsboom von Gasthaus- und Kleinbrauereien am stärksten. Hier suchen die Menschen also wieder die ihnen verloren gegangene Nähe zum Sudkessel und ihrem „Bräu“, dem sie bei der Bierproduktion über die Schulter schauen können. Sie suchen aber auch nach der Abwechslung, die die stark vereinheitlichten Bierangebote im ebenfalls hoch konzentrierten Handel  ihnen nicht mehr zu bieten vermögen.

Und auch in der Gastronomie wird in Folge der fortschreitenden Konzentration auf Herstellerseite regional das Bierangebot immer ähnlicher, was die Attraktivität von Gasthausbrauereien sicherlich steigert.

Braustätten Bundesländer Veränderung 1993-2019 relativ->Download Graphik